Asien - Zentrum der Welt

Wie Asiens Geschichte die Gegenwart prägt

Skizze der Hereford Mappa Mundi aus dem späten 13. Jahrhundert (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hereford-Karte#/media/File:Hereford-Karte.jpg)

Einleitung

Was zeigt eine Weltkarte?
     Sie zeigt, welches Bild wir von unserer Welt haben und wo wir unseren Platz in ihr sehen. Wie sehr dieses Weltbild vom historischen Kontext und von Konventionen geprägt ist, wird deutlich, wenn wir uns Karten aus einer anderen Zeit anschauen. Die mittelalterliche Hereford Mappa Mundi aus dem späten 13. Jahrhundert zum Beispiel: Jerusalem liegt bei dieser Karte in der Mitte. Rechts davon befindet sich Ägypten, links Anatolien. Die Weltkarte ist, typisch für die Zeit, also nach Osten ausgerichtet und entwirft die Erde aus einer religiösen Perspektive. Asien nimmt ihre gesamte obere Hälfte ein. Europa hingegen taucht eher am Rand unten links auf.
     Heute können wir in Europa uns das kaum noch vorstellen: dass eine Karte nicht Europa im Zentrum hat und Norden nicht oben ist. Dabei war genau das über die längste Zeit der Geschichte selbstverständlich.
     Das Weltbild hingegen, das hinter dem ‚Eurozentrismus‘ steht, ist noch gar nicht so alt. Es spiegelt die „Sicht der Sieger“ wider, die sich durchgesetzt hat und heute als universal gilt. Dazu gehört auch, wie wir die Länder des Nahen und Mittleren Ostens und Zentralasiens sehen: als Regionen, die von Krisen und Kriegen geschüttelt werden. Wo viele gescheiterte Staaten liegen. Wo gewalttätige autokratische Regime herrschen un wo Menschenrechte und Demokratie mit Füßen getreten werden.

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Miliz im Bürgerkrieg: So bekommen wir häufig den Nahen und Mittleren Osten sowie Zentralasien zu sehen

Bestenfalls können wir mit diesem Teil der Erde nichts anfangen, sind Gegenden wie Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan oder der Kaukasus für uns hinterste Provinz. Im schlimmsten Fall werden Städte wie Falludscha und Mosul im Irak oder Homs und Aleppo in Syrien ausschließlich mit religiösem Fundamentalismus, sektiererischer Gewalt und nicht enden wollenden Bürgerkriegen in Verbindung gebracht. Oder werden Länder wie Afghanistan und Iran als Gefahr für die internationale Sicherheit wahrgenommen.

Orientalismus
Das liegt vor allem an der Entwicklung einer ganz bestimmten Denkrichtung, die das Verhältnis des Westens zum „Orient“ wie keine andere geprägt hat. Der US-palästinensische Autor Edward Said nannte sie 1978 „Orientalismus“. Mit der Aufklärung (ca. 1650-1800) entwickelte sich in Europa ein Gefühl der Überlegenheit über die islamischen Bevölkerungen des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas. 

Verklärung des „Orients“ (hier als Konkubine im Harem), wie Jean-Auguste-Dominique Ingres sie in „Große Odaliske“ 1814 malte

Diese wurden nun als minderwertig, nicht vernunftbegabt, mysteriös und exotisch angesehen. Die eigenen Länder dagegen als aufgeklärt, rational und wissenschaftlich auf dem höchsten Stand. Erst die Aufklärung, die auf der einen Seite Gleichheit, Freiheit und Menschenrechte brachte, ermöglichte also, dass auf der anderen Seite außereuropäische Gesellschaften mit Ideen wie der Rassenlehre entmündigt, kolonisiert und unterworfen werden konnten.

Aus diesem Grund dominiert heute unsere Geschichtsschreibung und andere Regionen der Erde spielen darin nur eine Nebenrolle, verkürzt gesagt.

Das war nicht immer so. Städte wie das heutige Istanbul oder Damaskus, Bagdad, Isfahan, Kabul, oder Buchara und Samarkand im heutigen Usbekistan, bis Kaschgar in Westchina wurden über Jahrtausende als die Zentren der intellektuellen, wirtschaftlichen und politischen Elite wahrgenommen. Führende Köpfe kamen dorther und machten auf ihren Gebieten bahnbrechende Entdeckungen. Seide, Gewürze, Gold und Silber wurden zwischen diesen Städten über das breite Netzwerk der Seidenstraßen gehandelt, zu Land und zu Wasser.
     Dieses Netzwerk verband das Mittelmeer im Westen mit dem Pazifik im Osten und dem Indischen Ozean im Süden. Pilger und Krieger, Nomaden und Kaufleute reisten über die Wege und brachten eine neue Religion oder Tod und Gewalt, Wohlstand und Know How oder Krankheiten und Katastrophen mit sich.



Die Kulturen und Städte entlang der Seidenstraßen entwickelten sich ständig weiter und waren so die Speerspitzen der Zivilisation. Indem die Menschen miteinander Handel trieben, tauschten sie Ideen aus, lernten voneinander und regten auf diese Weise Fortschritte auf den Gebieten der Philosophie, Naturwissenschaft, Sprache oder Religion an. Das ist nur in Vergessenheit geraten.

Zentrales Nervensystem der Welt

Für Peter Frankopan ist Zentralasien mit seinen Seidenstraßen historisch aus diesem Grund die Achse, um die sich alles drehte, das zentrale Nervensystem der Welt — ein Schmelztiegel für neue Sprachen und Kulturen. 

Das Netz der Seidenstraßen mit wichtigen Handelsknoten. Sie verbanden Mittelmeer, Indischen Ozean und Pazifik miteinander

Mit seiner Weltgeschichte „Licht aus dem Osten“ von 2015 wendet sich der britische Historiker gegen das Vergessen einer Region, die so lange die Hauptrolle für das globale Geschehen spielte.
     Hier entstanden die großen Religionen und rangen jüdische, christliche, muslimische, buddhistische und hinduistische Glaubensrichtungen miteinander oder inspirierten sich gegenseitig. Vor allem war die Geschichte Zentralasiens schon immer mit der europäischen verflochten.
     Eine globalgeschichtliche Perspektive zeigt: Die Welt war nie statisch, sondern immer in Bewegung. Menschen und Orte interagierten zu allen Zeiten miteinander. Europa war für den Lauf der Geschichte viele Jahrhunderte lang nebensächlich, nicht mehr als ein Anhängsel am großen und bedeutenden asiatischen Kontinent.


Wenn es sich heute als reicher Teil der Erde abschottet gegen die Kriege seiner Nachbarn, so verschließt es die Augen vor dieser Vergangenheit, die auch die eigene ist.

Das Resultat westlicher Politik in Nahost in den letzten zwei Jahrhunderten: Stellvertreterkonflikte und Bürgerkriege

Bei den Kriegen in Syrien und Irak zu Beginn des 21. Jahrhunderts, welche die Flucht so vieler Menschen verursacht haben, handelt es sich nicht um eine Krise, die weit weg im luftleeren Raum entstanden ist und sich deshalb nur dort abspielen sollte. Sie steht in direktem Zusammenhang mit der westlichen Politik und ihrer historischen Entwicklung.
     Das zu verstehen, ist der Impuls, den die folgenden Texte geben sollen: indem sie ein Licht werfen auf die vergangenen und vergessenen Orte, die einst so wichtig waren für unsere Welt. In der Antike war nicht Rom das wichtigste Reich. Persien war es. In der Neuzeit war nicht Europa weltbestimmend. Das Osmanische Reich und das der Moguln waren es.


Vielen Dank allen Mitstreiter_innen, die dieses Projekt ermöglicht haben!
Text/Beratung: Susanne Kaiser
Graphik: Timo Zett
Idee, Redaktion sowie dies & das: Tobias Paul