Persien

Globalisierte Antike (ca. 600 v. - 600 n. Chr.)

Die Ruinen des Palastes von Tachara in Persepolis, der um 550 v. Chr gebaut wurde

Wenn wir heute an Euphrat und Tigris denken, fallen uns wahrscheinlich als erstes die Nachrichten ein: die türkische Militäroffensive „Schutzschild Euphrat“ gegen die Kurden in Nordsyrien. Oder die Drohung der Terrororganisation IS, den größten Staudamm des Irak zu sprengen und die Stadt Mosul im Wasser des Tigris zu versenken.
     Wahrscheinlich wird uns nicht in den Sinn kommen, dass in der Tiefebene Mesopotamiens zwischen Euphrat und Tigris die Wiege der Menschheit liegt und hier die ersten großen Städte, Metropolen, und Reiche entstanden.
     Das größte von ihnen war das Reich der Perser, das den verschiedenen Gesellschaften, die in ihm lebten, lange Phasen des Friedens, der Stabilität und des Wohlstands bescherte. Die ganze Welt, von Rom bis China, blickte sehnsuchtsvoll oder neidisch auf die Mitte des eurasischen Kontinents: nach Persien. Der heutige Iran hingegen könnte gar nicht weiter davon entfernt sein, Sehnsuchtsort für andere Länder zu sein.

Ausdehnung des Perserreichs um 550 v. Chr. unter Darius I

Im 6. Jahrhundert v. Chr. reichte das Perserreich vom Kernland im heutigen südlichen Iran bis zur Küste der Ägäis, weiter nach Ägypten und im Osten bis zum Himalaya.
     Ihre Expansion war so erfolgreich, weil die Perser offen gegenüber den Gebräuchen und Traditionen der eroberten Gesellschaften waren. Sie übernahmen Ideen und Methoden und sogar Moden und Kleidungsstile der Besiegten und schufen auf der Grundlage dessen, was sie vorfanden, Verwaltungsstrukturen, mit denen sie die unterschiedlichen Völker im Reich so konfliktfrei wie möglich regierten. Eine hochentwickelte Bürokratie garantierte, dass der Staatsapparat, die Märkte und das Straßennetz reibungslos funktionierten und immer auf dem neuesten Stand waren.
     So konnten in kurzer Zeit wertvolle Stoffe über große Distanzen gehandelt werden: Ebenholz und Silber aus Ägypten, Zedern aus dem Libanon, Elfenbein aus Indien oder Blattgold aus Baktrien (heute: etwa die Region nördliches Afghanistan, südliches Turkmenistan sowie Usbekistan und Tadschikistan). 

Karawanenszene (freie Interpretation unseres Illustrators)

Eroberungen ließen Großreiche entstehen, aber erst der Handel machte sie stabil und sicherte ihr Bestehen über einen langen Zeitraum. Die Einnahmen des Warenverkehrs finanzierten die nächsten Kriegszüge, die wiederum neue Ressourcen erschlossen. Städte und Bevölkerung wuchsen und gediehen, weil die persischen Herrscher in die Landwirtschaft und in die Entwicklung innovativer Bewässerungstechniken investierten und so höhere Erträge bei der Ernte einfuhren. Das alte Persien wurde auf diese Weise ein Reich des Überflusses und der Beständigkeit.

Alexander der Große orientierte sich nach Osten

Für große Persönlichkeiten der Antike wie Alexander den Großen stand aus diesem Grund außer Frage, dass er sich bei seinen Feldzügen im 4. Jahrhundert v. Chr. nach Persien orientieren würde, wenn er es zu Ruhm und Ansehen bringen wollte. In Westeuropa gab es wenig zu holen. Seine Erfolge führten schließlich dazu, dass später auch Rom an das globalisierte Netzwerk Asiens angeschlossen wurde und Zinn, Kupfer, Blei, Elfenbein, Edelsteine und Gewürze aus Indien, Vietnam und Java oder Seide aus China einführen konnte.
     Städte wie Palmyra in Syrien oder Petra im heutigen Jordanien wurden bald zu großen Handelszentren, in denen sich Ost und West, Süd und Nord trafen. Auch am Euphrat lagen große Märkte an Verkehrsknotenpunkten, die Händler von überall aus der Welt anzogen, weil es hier Waren aus Indien oder China zu kaufen gab. Umgekehrt kamen Gesandtschaften aus China nach Persien, um begehrte Produkte mit großen Handelskarawanen ins eigene Land zu bringen: Perlen, Edelsteine (Jade, Lapislazuli) vom Roten Meer, auch Zwiebeln, Gurken, Koriander, Granatäpfel, Pistazien und Aprikosen sowie Pfirsiche aus Samarkand (heute: Usbekistan). Oder Weihrauch und Myrrhe, die aus dem Jemen oder Äthiopien über Persien gehandelt wurden.
     Während das Römische Reich im Mittelmeerraum zur unangefochtenen Macht aufstieg, stieß es an seinen östlichen Ausläufern bei den Persern an eine Grenze. Wenn man von einem damaligen Weltreich sprechen will, dann war es Persien, das die meisten Gebiete in sein Reich integrierte und die weitläufigsten Verbindungen in alle Himmelsrichtungen schuf.

Das Perserreich war über viele Jahrhunderte das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Welt, nicht Rom.

Die ständige militärische Bedrohung durch Rom bewirkte in Persien einen tiefgreifenden politischen Wandel. Dieser verhalf im 3. Jahrhundert n. Chr. einer neuen Herrscherdynastie zum Aufstieg: den Sassaniden.
     Der erste Schah des neuen Großreichs Adaschir I. und seine Nachfolger sollten Persien zu noch größerer und nachhaltigerer Machtfülle führen. Die Wirtschaft wurde reguliert, Kaufleute und Märkte kontrolliert, Abgaben effektiver eingetrieben.

Sassanidische Palastruine der Stadt Ktesiphon in der fruchtbaren Tigrisebene im heutigen Irak

Der Ausbau des Bewässerungssystems sorgte für einen neuen Städteboom in ganz Zentralasien, auf der iranischen Hochebene, in Mesopotamien (heute: Irak) und im Nahen Osten.
     Der Handel zwischen Persien und dem Osten wurde intensiviert und führte zu einer neuen Blüte und zu einer Ausdehnung über ein Gebiet, das die heutigen Staaten Iran, Irak, Aserbaidschan, Turkmenistan, Pakistan und Afghanistan umfasst. „Auf den Seidenstraßen des Altertums pulsierte das Leben“, schreibt der Historiker Frankopan über diese Zeit.

Waren- und Ideentransfer

Nicht nur Waren, auch Ideen reisten über das weite Wegenetz. Die einflussreichsten unter ihnen waren wohl die Religionen. So gelangte nicht nur das Christentum über die Handelsrouten von Jerusalem bis nach China. Sondern auch der Buddhismus breitete sich über Kaufleute aus, erst von Nordindien aus nach Südostasien, dann sogar bis nach Alexandria (Ägypten). Allein um Kabul herum gab es 40 buddhistische Klöster.

So könnten sich die großen Religionen um 500 n. Chr. am Feuer begegnet sein

Auch das Christentum war viele Jahrhunderte lang vor allem eine Religion des Ostens - das wird heute gerne vergessen.
     Das spirituelle Zentrum war Jerusalem, gesprochen wurde Aramäisch, das der semitischen Sprachgruppe des Nahen Ostens entstammt, theologisch ging es auf das Judentum zurück, das in Israel, Ägypten und Babylon geprägt wurde. Im 6. Jahrhundert hatten Städte in Asien wie Basra, Mosul oder Tikrit oder Merw, Gundischapur und Kaschgar prosperierende christliche Gemeinden und wurden von Erzbistümern versorgt — lange bevor das englische Canterbury einen Erzbischof hatte. Diese Städte waren große christliche Zentren — lange bevor in Polen oder Skandinavien die ersten Missionare eintrafen. Noch im Mittelalter lebten in Asien viel mehr Christen als in Europa.

Während der Herrschaft der Sassaniden (224-651) gewann die Idee Bedeutung, andere Religionen zu integrieren. So konnten sich Religionen gegenseitig beeinflussen und inspirieren.

Das Heiligenscheinsymbol etwa zeugt heute noch davon: in hinduistischen, buddhistischen, christlichen und sogar frühislamischen Darstellungen ist es zu finden.