Islam

Entstehung und Ausbreitung (ab 650)

Die Kaaba in Mekka ist das zentrale Heiligtum im Islam. In ihre Richtung wenden sich Milliarden von Musliminnen und Muslimen beim Gebet

Die Perser hatten über Jahrhunderte ein erfolgreiches Staatssystem geschaffen, mit welchem sie ihre Herrschaft auch in neu eroberten Gebieten sichern, ihr großes Reich pragmatisch verwalten und durch den Handel mit dem Osten finanzieren konnten. Dieses bereits etablierte System verhalf einer neuen Religion in kurzer Zeit zu unglaublicher Verbreitung und Macht: dem Islam.
     Durch die Kriege zwischen Rom und Persien litt die Wirtschaft, was sich besonders auch auf den arabischen Hedschas auswirkte — die Region also, in der die Städte Mekka und Medina (heute: Saudi-Arabien) liegen. Aus Mekka gingen die legendären Karawanen mit Gold, Leder und anderen Wertgegenständen nach Syrien.
     Mohammeds Heilsversprechen, dass all diejenigen Wohlstand erlangen würden, die sich zum Islam bekehrten, fiel hier daher auf fruchtbaren Boden. Es war aber noch mehr, was diese Religion für viele Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund attraktiv erscheinen ließ: Der neue Glauben schuf erstens eine kollektive Identität. Er betonte die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede. Es war daher egal, ob jemand städtisch oder nomadisch, von diesem oder jenem Stamm war oder aus einem bestimmten ethnischen oder linguistischen Kontext kam.

Kamelreiter auf Eroberungsfeldzug unter dem Banner der neuen Religion

Der Siegeszug der Araber fand zweitens zu einer Zeit statt, als das persische Reich der Sassaniden im Niedergang begriffen war. Die meisten Städte und Provinzen ließen sich so in den 630er Jahren mehr oder weniger kampflos einnehmen.
     Zwei Dinge sicherten drittens die Loyalität der Anhängerschaft und einen wachsenden Zulauf: der missionarische Eifer, mit welchem die Feldzüge geführt wurden, und die Ressourcen, die sie einbrachten und die Mohammed unter seinen Soldaten verteilen ließ.
     Christentum und Judentum spielten viertens für den Erfolg des Islam eine entscheidende Rolle. Denn die frühen Muslime sahen sich nicht als Konkurrenten der älteren Religionen, sondern verstanden sich als ihre Erben. So bekehrten sich viele Christen und Juden zu der neuen Religion, ohne dass dies gleich zu Konflikten führte. Beiden Religionen gegenüber forderte Mohammed Respekt und Toleranz ein oder setzte zumindest auf ein friedliches Nebeneinander. Kirchen durften weiterhin geöffnet bleiben und wurden nicht angetastet, zum Beispiel in Damaskus. Es wurden sogar neue gebaut, in Nordafrika, Ägypten und Palästina.
     Eine weitere Strategie war fünftens wichtig für die schnelle Ausbreitung des Islam und die territorialen Gewinne der Muslime: Sie handhabten es ebenso pragmatisch wie die Perser und übernahmen die bereits bestehenden Strukturen der eroberten Gesellschaften, das Münzwesen oder die Rechtssysteme zum Beispiel.

Die größte Ausdehnung des Islam im Kalifat war um 750 n. Chr. erreicht

Im 8. Jahrhundert hatten muslimische Feldherren auf diese Weise ein Gebiet erobert, das über den Kaukasus und Himalaya bis nach China ging, sich in Afrika bis zum Atlantik erstreckte und bis zu den Pyrenäen reichte. Das wirtschaftliche Kernland des Römischen Reiches und wurde mit dem Persiens vereinigt, Ägypten und Mesopotamien wurden so zum wirtschaftlichen Zentrum des neuen Großreichs. Das islamische Herrschaftsgebiet beerbte das Reich der Sassaniden mit seinen wohlgeordneten Handelsstrukturen, großen Städten und vielen Verbrauchern.

Luxus und Prunk brachte der Handel unter der zweiten Dynastie der Abbasiden dem Kalifat. Dies beflügelte die Phantasien der orientalistischen Maler viele Jahrhunderte später

Die Welt der Abbasiden, die als zweite Dynastie nach den Umayyaden von 750 bis 1258 das Kalifat regierten, konnte so ein gigantisches Handelsvolumen erwirtschaften und sich selbst riesige Mengen an Luxusgütern leisten, Porzellan aus China oder Schmuckkästchen, Silberwaren, Seide, Tropenhölzer oder exotische Tiere aus den entferntesten Winkeln der Erde.

Wissenschaft und Kunst florieren
Auf dieser Grundlage florierten Kunst, Kultur und Wissenschaft. Gelehrte wurden nach Bagdad und in die Zentren der akademischen Elite in ganz Zentralasien eingeladen: nach Buchara, Merw oder Gundischapur. Sie beschäftigten sich mit Mathematik, Philosophie oder Physik und schufen bahnbrechende Errungenschaften im Bereich der Medizin, Astronomie oder Optik.

Wissenschaftliche Errungenschaften gehörten zum Kapital im Kalifat

Doch kaum jemand kennt heute Namen wie Ibn al-Haytham, der einen Traktat über die Verbindung zwischen Sehsinn und Gehirn schrieb, Abu Rayhan al-Biruni, der feststellte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, oder Muhammad Ibn Musa al-Chwarizmi, der die Algebra entscheidend voranbrachte. Massenweise wurden Quellen von überall auf der Welt gesammelt und übersetzt.
     Auch Frauen waren unter den führenden Köpfen dieser intellektuellen Avantgarde, etwa die Dichterin Rabia Balchi aus dem 10. Jahrhundert, nach welcher heute eine Entbindungsklinik in Kabul benannt ist.

Die Herrschaft des Islam schuf eine neue Weltordnung und brachte zur Vollendung, was die Perser begonnen hatten und was auf der ganzen Welt vor allem mit einem in Verbindung gebracht wurde: mit dem Fortschritt.