DIE NEUEN SEIDENSTRASSEN

Neuer Glanz

Ein neues Schienennetz verbindet den Fernen Osten mit dem Fernen Westen. Lange Züge mit vielen Waggons können ein noch höheres Volumen transportieren als Schiffe oder Flugzeuge.


Wie geht es weiter mit unserer Welt?

Wir befinden uns in einer Zeit des historischen Umbruchs. Vor allem die Region der Seidenstraßen macht einen tiefgreifenden Wandel durch und ist deshalb extrem instabil und unruhig.
     Von der Türkei, über die Ukraine, Syrien, den Kaukasus, Afghanistan, Pakistan, Kirgisistan, bis nach China zu den Uiguren werden, mal mehr, mal weniger drastisch, Fragen der Identität, des Nationalismus und der Weichenstellungen für die Zukunft verhandelt. Was wir da sehen, so ist Frankopan überzeugt, ist der erneute Aufstieg einer Region, die einst die intellektuelle, kulturelle und wirtschaftliche Avantgarde war.
     Die Gründe dafür sind die Bodenschätze dort. Unter dem Schwarzen Meer schlummern Rohölreserven doppelt so groß wie die der USA. In Kurdistan wurde ein neues Reservoir des schwarzen Goldes entdeckt und an der Grenze zwischen Kasachstan und Russland soll ebenfalls ein großes, noch unerschlossenes Depot an Erdgas und Rohöl liegen. Im Donbass, berühmt für seine Kohlevorkommen, werden sogar riesige Mengen Erdöl und Erdgas vermutet. Turkmenistan birgt das größte Erdgasvorkommen der Welt in seinem Boden. In Usbekistan und Kirgisistan liegen Goldminen, nur in Südafrika gibt es mehr von dem Edelmetall. Viel wertvoller aber noch sind die seltenen Erden Kasachstans, Beryllium und Dysprosium etwa, weil sie für alle neuen Technologien mit Bildschirmen gebraucht werden wie Smartphones und Notebooks. Auch Uran und Plutonium gibt es hier, die für die Atomenergie nötig sind. Selbst die normale Erde ist hier besonders wertvoll und fruchtbar. Weite Teile der Steppe Südrusslands und der Ukraine beherbergen überaus ergiebige Getreidefelder. Die Ukraine exportiert ihre fruchtbare „schwarze Erde“ sogar, weil sie so begehrt ist. Wenn es irgendwo in dieser Region zu Unruhen kommt, dann merken wir im Westen das auch, weil Getreide- oder Benzinpreise bei uns steigen.

China baut die Neuen Seidenstraßen

Seit einigen Jahren erleben wir einen massiven Ausbau der Infrastruktur — Verkehrswege, Handelsrouten, Eisenbahnlinien, Pipelines. Allen voran betreibt China mit gigantischen Investitionen das Projekt der neuen Seidenstraßen. Züge, die mehr als einen halben Kilometer lang sind, transportieren Millionen von Notebooks, Schuhen, Kleidungsstücken, Spielzeug in die eine sowie Elektronik, Autoteile und medizinische Güter in die andere Richtung. Die Zahl der Container soll von siebentausendfünfhundert im Jahr 2012 auf siebeneinhalb Millionen jährlich ab 2020 steigen.

Riesige Güterzüge exportieren Massenwaren aus China, seit 2013 von Peking bis nach London

Doch auch politisch verschiebt sich gerade einiges. Einen Hinweis darauf gibt der Astana-Prozess zum Syrienkrieg. Unter der Federführung Russlands, der Türkei und Irans fand der Gipfel als diplomatische Alternative zu den etablierten westlich geführten Gesprächsrunden statt. Russland ist nach einer Schwächephase von rund 25 Jahren infolge des Zusammenbruchs der UdSSR längst wieder zur Weltmacht aufgestiegen, gegen welche die Internationale Gemeinschaft kaum etwas durchsetzen kann.
     Überall zwischen Mittelmeer und Ostasien werden neue Allianzen geschmiedet, werden neue Beziehungen und Handelsnetze geknüpft und blühen die alten wieder auf. Es bleibt abzuwarten, wohin diese Entwicklungen führen. Zu mehr Kooperation und Verständigung? Zur Förderung von Frieden, Austausch, Kultur, breitem Wohlstand und Umweltschutz? Oder zu Ausbeutung, Unsicherheiten, Isolation, Konkurrenz? Gar zum Abstieg Nordamerikas und Europas?

New York auch weiter im Zentrum? Die Zukunft is made in Asia!

Eine entscheidende Rolle könnte dabei das globale Kapital spielen. Noch liegt es vor allem in den USA und in Europa. Doch zunehmend fließt Kapital auch nach China und nach Russland. Noch parken russische Oligarchen oder ostasiatische Geschäftsleute ihr Geld vorzugsweise in London oder Zürich. Aber was passiert, wenn sich die Ströme verschieben und von West nach Ost verlagern? Wird dies das Ende der Vorherrschaft des Westens sein? Oder nur mehr Gleichverteilung bedeuten? Die Mitte der Welt: Vielleicht gibt es sie in der Zukunft gar nicht mehr.