1969 - 2019: Fünfzig Jahre Mondlandung





6. Verdrängtes Erbe, vergessene Pioniere - Deutsche im Weltall


Klaus Schütz, der Regierende Bürgermeister von Berlin (SPD), war nie im Weltall. Aber er hat die Kapsel der Apollo-8-Mission von innen gesehen.

1969 stand das traditionelle Deutsch-Amerikanische Volksfest im amerikanischen Sektor in Berlin-Dahlem unter dem Thema "Raumfahrt". Die USA nutzten die Schaufensterfunktion West-Berlins im Kalten Krieg, um dort ihren ersten großen Teilerfolg wirksam zu präsentieren.

Einen Tag vor der ersten Mondlandung stand der Regierende lächelnd in der Original-Kapsel, die 1968 die erste Mondumkreisung absolviert hatte.

Beim deutsch-deutschen Wettlauf ins Weltall hatte die DDR die Nase vorn. Der Kosmonaut Sigmund Jähn flog am 26. August 1978 mit Sojus 31 ins All, hielt sich dort mehr als eine Woche auf, kehrte wohlbehalten zurück und war fortan ein Held. Zumindest in der DDR.


Im vereinigten Deutschland genießt Jähns Pioniertat bis heute kaum Anerkennung. Zum einen wurmt viele "Wessis" bis heute jeder Bereich, in dem die DDR besser war als die alte Bundesrepublik. Zum anderen war Jähn ein Eliteoffizier und "Held der DDR". Er studierte an der sowjetischen Militärakademie der Luftstreitkräfte "J.A. Gagarin".

Zu den wichtigsten Fürsprechern und Bewunderern Jähns und seinen unbestreitbaren wissenschaftlichen Leistungen gehört Ulf Merbold. 1983 war er der erste westdeutsche Weltraumfahrer. Bis heute ist er der einzige Deutsche, der dreimal im Weltall war. Zuletzt hielt er sich 1993 einen Monat auf der russischen Weltraumstation Mir auf.

Auch Alexander Gerst, "Astro-Alex", der 2018 Kommandant der Internationalen Raumstation ISS war, ist bekennender Bewunderer von Sigmund Jähn.

Die Geschichte der deutschen (Versuche in der) Raumfahrt, deren Anfänge in den 1890er Jahren liegen, ist hierzulande nur Spezialist_innen bekannt.

Wurde Wernher von Braun in den frühen 1990er Jahren nach dem Ende der DDR in Peenemünde auf Usedom noch weitgehend kritiklos gehuldigt, ist nicht zuletzt durch die Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen von Brauns Wissen und Beteiligung an den KZ-Verbrechen der Nazis sehr gut belegt. Dort wurden die Raketen und ihre Teile montiert.

Erster Pionier der Raumfahrt in Deutschland war Hermann Oberth (1894-1989). Sein Buch Die Rakete zu den Planetenräumen (1923) inspirierte nicht nur den 18 Jahre jüngeren Wernher von Braun. Zu Fritz Langs Stummfilm Die Frau im Mond (1929) leistete Oberth die wissenschaftliche Beratung.

Auch Oberth betrieb Kriegsforschung für die Nazis, der Dramatiker Rolf Hochhuth schrieb über ihn das Theaterstück Hitlers Dr. Faust (2000).

Die USA holten nach dem Zweiten Weltkrieg von Braun und weitere deutsche Forscher/ Verbrecher aus seinem Team gezielt über den Atlantik, um eigene Forschungen mit Flüssigtreibstoffraketen voranzutreiben.

Trotzdem ging die Weltraumforschung in der Bundesrepublik weiter. Nach dem Verlust von Peenemünde (ab 1945 Sowjetzone, ab 1949 DDR) gab es in der jungen Bundesrepublik in und um Cuxhaven einen Schwerpunkt. Im Wattengebiet führte die Hermann-Oberth-Gesellschaft Raketenversuche durch.

Eine Postrakete vom Typ Cirrus erreichte im September 1961 eine Gipfelhöhe von 50 Kilometern. Postraketen wurden seit den 1930ern konstruiert mit dem Ziel, - ja wirklich – um Postsendungen damit zu verschicken.


Oberth und die nach ihm benannte Gesellschaft bewegten sich stets im Grenzbereich zwischen Science und Fiction. 1959 erschien Oberths Buch Das Mondauto. 1977 veröffentlichte die Gesellschaft eine Bibliographie deutschsprachiger Veröffentlichungen zu den Themen Außerirdisches Leben, UFOs und Astro-Archäologie (Raumfahrer aus alten, untergegangenen Kulturen).

Das 1969 gegründete Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) e.V. hat nach diversen Umbenennungen und Fusionen heute seinen Sitz in Köln sowie 20 Standorte im Bundesgebiet. Der größte mit 1800 Mitarbeiter_innen ist in Oberpfaffenhofen bei München. Im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz arbeiten etwa 800 Menschen.

In Oberpfaffenhofen bilden Robotik, Kartographie und satellitengestützte Kriseninformation bei Naturkatastrophen Schwerpunkte der Arbeit, die heute nicht national, sondern ausschließlich im internationalen Verbund stattfindet, vor allem unter dem Dach der European Space Agency (ESA).




Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz in der Kapsel der Apollo-8-Mission (1969); (Bild: NN)