1969 - 2019: Fünfzig Jahre Mondlandung





2. Wernher von Braun - Wissenschaft, Ehrgeiz, Verbrechen



Nach dem gescheiterten Vanguard-Satelliten zog das US-Militär den Raketenexperten Wernher von Braun hinzu, der bereits seit 1945 in den USA tätig war.

Am 1. Februar 1958, 48 Tage nach "Kaputnik", flog der Satellit Explorer 1 mit einer von Braun konzipierten Jupiter-C-Rakete ins All.

1959 wechselte von Braun zur NASA.

Wernher von Braun (1912-1977) war sicherlich ein genialer Wissenschaftler. Zugleich verkörperte er aber die vollkommene Skrupellosigkeit eines Menschen, der - egal unter welchen politischen Rahmenbedingungen - seine persönlichen Ziele erreichen wollte.

Seine Begeisterung für die Raumfahrt wurde bereits in Kinderjahren geweckt durch Hermann Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen von 1923.

Zwanzig Jahre später war von Braun technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom. Dort wurden die V2-Raketen getestet, die in England und Belgien insgesamt 6.000 Menschen töteten. Dem Deutschen Reich hätten sie den Sieg im Zweiten Weltkrieg bescheren sollen.

Für dieses Vorhaben starben im Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen mindestens 16.000 Menschen. Als Sklavenarbeiter mussten sie die Raketen montieren. Die Bauteile sind heute noch im unterirdischen Tunnelsystem zu sehen, das Teil der Gedenkstätte ist.

Die Saturn-Raketen für das Apollo-Programm waren eine direkte Weiterentwicklung der Raketen des NS-Regimes.


Wie alle Karrieristen im NS-Regime redete sich von Braun später auf Nichtwissen heraus und versuchte sich, als voll auf seine Forschung fokussierten Wissenschaftler zu präsentieren, obwohl er Mittelbau-Dora regelmäßig besuchte.

Dass er heute beinahe als mythische Figur gilt und in den USA für die Mondlandung vielfach ausgezeichnet wurde, lag auch daran, dass er dort systematisch "gereinigt" wurde. Eine von Walt Disney konzipierte Fernsehserie, die Begeisterung für die Raumfahrt wecken sollte, etablierte von Braun als smarten, sauberen und visionären Raumfahrtexperten, der nicht nur etwas von Raketen verstand, sondern auch eine Mission zum Mars plante und eine aufblasbare Raumstation erfand, die die Erde umkreisen sollte.

Die bekannteste deutschsprachige Auseinandersetzung mit der Verantwortung des Naturwissenschaftlers ist sicherlich Die Physiker (1961), Friedrich Dürrenmatts Drama zur Entwicklung der Atombombe. Weniger bekannt ist das Theaterstück von Rolf Hochhuth über Hermann Oberth: Hitlers Dr. Faust (2000). Die Tragödie arbeitet die Abhängigkeit des Naturwissenschaftlers von der Kriegswichtigkeit seiner Forschungsthemen heraus.

Auch über von Braun gibt es Literatur, an erster Stelle Thomas Pynchons Die Enden der Parabel, das mit etwa 1000 Seiten und komplizierten Handlungssträngen anders als Dürrenmatt zur Freude vieler Schüler_innen nie zum Lektürekanon gehörte.

Heute stehen die Naturwissenschaften und deren Erkenntnisse teilweise im Spannungsfeld zwischen Fake News, hoher inhaltlicher Komplexität und 'Technikfolgenabschätzung', zwischen meinungsstarken NGO und zuweilen zu wenig Vorstellungskraft oder Phantasie auf politischer Ebene.

Es ist zu befürchten, dass die aktuelle Generation von Politiker_innen oft zu wenig über die Konsequenzen wissenschaftlicher Neuerungen weiß. Möglicherweise hatte der Marineoffizier Kennedy einen Wissensvorsprung bei den physikalischen Grundlagen der bemannten Raumfahrt.

Innovationen können schief gehen und Unheil anrichten, das wird heute im Vorfeld stärker berücksichtigt.
Zugleich dominiert derzeit eher Pragmatismus statt starrer Ideologie das Denken, wenn es um Fortschritt geht. Ist das gut oder schlecht?

Visionen kosten Geld, Irrtümer kosten Menschenleben.

Ohne weitreichende technologische Innovationen und den Mut, neue Wege zu gehen, wird die Menschheit ihre aktuellen Probleme nicht bewältigen können.


Auch heute wird der Hunger nach neuen Maschinen und Geräten angetrieben von militärischen Interessen, aber kluge politische Entscheidungen basieren nicht ausschließlich auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen. Es geht auch immer um Menschlichkeit.

Es bleibt schwierig. Und spannend.





Wernher von Braun & John F. Kennedy 1963 (wikipedia)


Ein interaktiver Zeitstrahl zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland ab 1945. Mehr