1969 - 2019: Fünfzig Jahre Mondlandung





9. Zurück zur Erde



Eines der sieben Crew-Mitglieder, die bei dem Columbia-Unglück 2003 ums Leben kamen, war der Israeli Ilhan Ramon, Oberst der Luftwaffe und erster Raumfahrer seines Landes. In einem Erinnerungsvideo, das die NASA ins Netz gestellt hat, sagt er unter anderem:

"Im Moment ist die Erde der einzige Ort, den wir haben, um zu leben, und wir müssen sie sauber und in einem möglichst guten Zustand halten."


Weiß die Menschheit, dass sie die Menschheit ist? Im Moment sieht es so aus, als sei der politische Universalismus, die Idee einer gemeinsamen Verantwortung für die Erde, im Rückzug begriffen.

Die Schönheit des Planeten inspiriert anders als in den 1970er Jahren immer weniger Menschen, die ein gewähltes Amt ausüben, zum politischen Handeln. Trotz zahlloser Gipfel und internationaler Konferenzen werden verbindliche Absprachen für Klimaschutz oder leichterem Zugang zu Medikamenten über Jahrzehnte hinweg auf die lange Bank geschoben oder bis zur Beliebigkeit verwässert.

Wird die Raumfahrt im 21. Jahrhundert einen Impuls geben können, um die Probleme, die auf der Erde grenzübergreifend alle Menschen betreffen, gemeinsam anzugehen? Oder droht ein Rückfall in das Denken der 1950er Jahre, als Raumfahrt vor allem geplant wurde, um sich eine militärische Überlegenheit im Systemwettstreit zu verschaffen?


Zukunftsweisende Großforschung ist und bleibt voraussichtlich ein zweischneidiges Schwert. Zum einen können viele Menschen davon profitieren, andererseits ist sie in den Ländern, die sich solche Projekte leisten können, immer auch mit nationalen Ambitionen verknüpft.

In seiner Rede im Mai 1961, in der er den Flug zum Mond ankündigte, sagte US-Präsident John F. Kennedy auch: "Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt". Die sechs US-Flaggen auf dem Mond, die vor sich hin bleichen, künden von diesem Hegemonialanspruch, auch wenn 1969 zwischenzeitlich auch eine UN-Flagge in der Diskussion war.

Für den aktuellen US-Präsidenten Donald Trump wäre das vermutlich eine absurde Vorstellung. Sein Dekret vom Februar 2017, in dem er die NASA ermächtigte, eine erneute Mondlandung und eine Landung auf dem Mars vorzubereiten, ist Teil seiner nationalen Ambitionen. Er will "America First", keine Menschheitsprobleme lösen oder -träume erfüllen.

Aber welchen Sinn hat die (symbolische) Inbesitznahme eines Gebiets oder einer Idee, wenn alle Probleme nur noch international gelöst werden können?

Als technische Leistung und als Rückgewinnung der Hegemonie im Kalten Krieg bleibt die Mondlandung ein Meilenstein.

Der Moment, der das Bewusstsein der Menschen und ihrer Existenz auf der Erde nachhaltig verändert hat, waren jedoch die Fotos von der Erde: Earth Rise an Weihnachten 1968 von Apollo 8 und Blue Marble 1972 von Apollo 17, der letzten Mondmission.

Noch mehr als die Mondlandung war dies der Moment, in dem sich die Menschheit ihrer Verbundenheit und Fragilität bewusst wurde.

"Wir brachen auf, um den Mond zu erkunden, aber tatsächlich entdeckten wir die Erde" formulierte es Eugene Cernan, Kommandant von Apollo 17 und der letzte Mensch auf dem Mond.


Weil sie schwer zu bewerkstelligen war und einen Menschheitstraum erfüllte, war die Mondlandung ein Jahrhundertereignis.

Heute könnte die Mondlandung im Großen eine Inspirationsquelle für die globalen Herausforderungen sein, aber in ihren nationalen Projekten denken die Menschen noch nicht groß genug.


Auf der anderen Seite finden wir die Flucht ins ganz Private und Innerliche. Auch die lässt sich mit dem Mond gut begründen. Der Mond gibt Rat in der Astrologie oder tut Wunder bei der nächtlichen Aussaat von Kräutern.

Kann man daraus ein halbes Jahrhundert später eine Lehre ziehen? Als erstes sollte man sich über seinen Traum klar werden. Dann findet man die Menschen, mit denen man diesen Traum verwirklichen kann. All das wird auf der Erde stattfinden.

Am besten nicht erst morgen, sondern hier und jetzt.



Die Erde (Blue Marble) von Apollo 17 aus betrachtet (1972). Bild: wikipedia


Ein interaktiver Zeitstrahl zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland ab 1945. Mehr