Die Deutschen und ihr Wald

III. Was hat das mit Identität zu tun?



In Baum geschnitztes Herz: Pobytov/istock

8. Eine heimliche Liebe

Von Ralf Oberndörfer

Auf das "Sieg Heil" der Nazis folgte nach 1945 in Westdeutschland die heile Welt des Heimatfilms. Der Förster vom Silberwald und das Schwarzwaldmädel bevölkerten die Leinwand. Niemand wollte darüber reden, dass beispielsweise im Solling, einem Mittelgebirge des Weserberglandes, französische Zwangsarbeiter Waldarbeit verrichten mussten. Der Wald der Nachkriegszeit war keusch und edel.

Von Tacitus, dem römischen Historiker bis zum Schriftsteller Elias Canetti: Viele haben den Deutschen ein besonders inniges Verhältnis zum Wald nachgesagt.

Und immer noch ist Deutschland ein waldreiches Land. Frankenwald, Bayerischer Wald, Thüringer Wald, die Mittelgebirge verweisen darauf, ebenso viele Orte: Eberswalde, Forst, Grünwald, Walddrehna, Neustadt an der Waldnaab, Waldshut/Tiengen. Namen wie Roding, Wernigerode, Walsrode verweisen auf die menschlichen Eingriffe in die Natur.

Grimms Märchen spielen auch deshalb so oft in Wäldern, weil sie Ausdruck der Trauer über den Verlust des Waldes ab 1800 sind.

Zwei Generationen älter als die Gebrüder Grimm war Christoph Martin Wieland (1733-1813). In seinem Roman Aristipp formulierte er: Es ist als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloß deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. So lautet die etwas schwer zu lesende Urform des berühmten Sprichworts.

Wieland bildete zusammen Goethe, Friedrich Schiller und Johann Gottfried Herder das "Viergestirn" der Weimarer Klassik. Er liebte Frankreich, dem anschwellenden deutschen Nationalstolz des 19. Jahrhunderts begegnete er mit Ironie und Skepsis, was ihn leider bis heute zu einer randständigen Figur der deutschen Literaturgeschichte und Aufklärung macht. Im Bopserwald von Stuttgart las Schiller erstmals aus "Die Räuber".

Klaus-Jürgen Wussow, Gaby Dohm und Sascha Hehn rockten in der Schwarzwaldklinik die Fernsehnation. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bildern nicht.


Ein interaktiver Zeitstrahl zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland ab 1945. Mehr