Die Deutschen und ihr Wald

II Wie wollen wir leben?



Bild: Frau auf einem Felsen, Blick ins Tal (istock/SbytovaMN)


6. Heimat und Vernetzung

Von Ralf Oberndörfer

Die Zähmung der Natur macht auch vor Weihnachten nicht halt.

Der Baum soll Besinnlichkeit ausstrahlen, aber nicht nadeln und nicht riechen. Perfekt entspricht die Nordmanntanne dem Anforderungsprofil, aber trotz ihres deutsch klingenden Namens ist sie ein invasiver Neophyt, ein einwanderndes Neugewächs.

Für diese Arten führt das Bundesamt für Naturschutz eine Schwarze Liste, auf der auch die nordamerikanische Douglasie steht, die sich noch schneller ernten läßt als Fichte und Kiefer. Die Fichte, Deutschlands Nutzbaum Nummer Eins, ist ursprünglich in der Taiga zuhause. Im hiesigen Sommer verdurstet sie geradezu, wird anfällig für Käferbefall und Sturmschäden. Die Nordmanntanne stammt aus Georgien und wurde 1842 nach dem finnischen Naturforscher Alexander Davidowitsch von Nordmann (1803-1866) benannt.

Einheimisch sind in Deutschland Eiche, Linde, Buche, Tanne und Kiefer. Die letzten drei bilden als Mischwald ein besonders stabiles Ökosystem, in dem alle Lebewesen, vom Baumriesen bis zur Hornmilbe miteinander vernetzt sind.

Bäume bilden eine soziale Gemeinschaft, kommunizieren miteinander (über Pilzgeflechte) und helfen sich gegenseitig (mit Zuckerlösung). Nicht nur im Wald hängt alles miteinander zusammen, über die Erdatmosphäre sind alle Wälder und alle Menschen miteinander verbunden.

Das / The / Le "Waldsterben" ging in den achtziger Jahren im deutschen Original in den internationalen Sprachschatz ein. Entdeckt wurde der saure Regen 1968 von dem schwedischen Bodenkundler Svante Odén, der Schäden an schwedischen Wäldern und Gewässern auf die Schwefeldioxid-Emissionen der westdeutschen und englischen Industrie zurückführte und dazu auch eine UN-Resolution initiierte.

Globaler Umweltschutz macht es notwendig, Grenzen zu überwinden und international zu arbeiten.

Menschen sind keine invasiven Neophyten. Jeder kann sich überall neu beheimaten. Der Vers des türkischen Dichters Nazim Hikmet gehört auch zu den achtziger Jahren: "Leben einzeln und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist unser."

 

 


Ein interaktiver Zeitstrahl zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland ab 1945. Mehr