Die Deutschen und ihr Wald

III. Was hat das mit Identität zu tun?

Bild: Mann im Wald schaut in morgendliche Sonne; bingokid/istock

9. Lametta, Harry Potter und ein Ausblick

Von Ralf Oberndörfer

Der Satz von Loriot "Früher war mehr Lametta" stammt aus dem Sketch "Weihnachten bei den Hoppenstedts" aus dem Jahr 1978. Vater Hoppenstedt erwidert sachlich: "Dieses Jahr bleibt der Baum grün, grün und umweltfreundlich."

Was ein Baum oder ein Wald ist, ist Interpretationssache. Früher war mehr Kitsch, mehr nationales Pathos, mit dem der Wald überladen wurde.

Der Umweltschutz machte den Blick frei auf den real existierenden Wald, zeigte seine Schutzbedürftigkeit, forderte einen anderen Umgang ein. Über den Bericht Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome (1972), die Nord-Süd-Kommission unter der Leitung von Willy Brandt (1977) und die Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen (1987) wurde Nachhaltigkeit als "Sustainability" zu einem Globalbegriff.

Ob Opa Hoppenstedt diese Entwicklung gefallen hätte?

Statt Lametta gibt es jetzt vernetztes Denken, in Eberswalde (Brandenburg) bietet die Fachhochschule für nachhaltige Entwicklung den Fachbereich Wald und Umwelt an. Der deutsche Wald ist ein Ökosystem unter Tausenden weltweit geworden, nicht unrettbar beschädigt, aber unter Druck.

Von 1870 bis 1945 war die Nibelungensage vermittelt auch durch die Opern von Richard Wagner die nationalistisch aufgeladene Phantasiewelt für Kinder und Heranwachsende in Deutschland, vor allem für Jungen, aber nicht nur. Einer der ersten Kinderbuch-Helden der Nachkriegsgeneration hieß nicht Siegfried, sondern Hotzenplotz und hauste im Wald. Denn im Wald, da sind die Räuber. Die vier Bücher von Otfried Preußler (1962-1973) wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Kasperl, Seppel und die Großmutter trotzten dem Bösewicht mit Gewitzheit, Courage und unverbrüchlicher Freundschaft. Deutsche Recken waren sie nicht.

Freundschaft, Mut und Einfallsreichtum zeichnete auch Harry Potter, Ron und Hermine aus. Eine Generation von Erstleserinnen und -lesern stürmte weltweit die Buchhandlungen, um noch in der Nacht des Erscheinens eines neuen Bandes herauszufinden, welche schrecklichen Geheimnisse der Verbotene Wald barg. Während Siegfried und die deutschen Eichen von Arndt als Symbole nationaler Abgrenzung funktionierten, ist der Verbotene Wald von J. K. Rowling ein universaler Ort im Universum von Hogwarts. Das ist kein Happy End der Geschichte des Waldes, sondern nur eine neue, menschenfreundlichere Interpretation.

Der reale Wald ist mehr denn je ein Ort heftiger politischer Auseinandersetzungen und Interessenkonflikte.

Durch ihn wird besonders deutlich, dass der Wechsel von der fossilen Kultur, in der Rohstoffe ausgebeutet werden, bis sie verbraucht sind, hin zu einer Kreislaufkultur der Nachhaltigkeit überfällig ist.

Also komm, Leserin, ins Freie, Leser, weg vom Bildschirm. Der Wald steht schwarz und schweiget. Er will entdeckt werden.

 

 


Ein interaktiver Zeitstrahl zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland ab 1945. Mehr