Islam neoliberal

Der Islam als Gegenentwurf zum kapitalistischen Mainstream?



von Susanne Kaiser

Offener Zugang zum Islam
Der Islam als Religion ist offen für alle Menschen - der Arbeitsmarkt ist es nicht. So ließe sich vereinfacht und provokant einer der Gründe auf den Punkt bringen, warum junge Menschen in westlichen Ländern zum Islam konvertieren. Zunächst erscheint es wie ein Widerspruch, wie zwei unterschiedliche Lebensbereiche, die auf den ersten Blick schlecht miteinander verglichen werden können: Beruf und private Weltanschauung, wie hängt das miteinander zusammen?

Die Antwort lautet: Für manche bietet der Islam einen Ausweg aus einem neoliberalen System, in welchem alles als konsumierbar begriffen wird, selbst Beziehungen. Sie leben einen Gegenentwurf zum kapitalistischen Mainstream, in dem sich der Wert eines Menschen über das Gehalt definiert. Dem weltlichen stellen sie einen spirituellen Reichtum entgegen. In der Religion finden sie andere Werte, in der Glaubensgemeinschaft eine neue Art der Wertschätzung.

Zum Beispiel werden Frauen in den konservativen Strömungen des Islam dafür geachtet, dass sie sich in der Familie verwirklichen - und nicht etwa im Beruf. Für manche stellt das eine Befreiung vom gesellschaftlichen Druck dar und von der ständigen Bedrohung zu scheitern. Der Islam spricht hier, nicht anders als christliche oder rechtskonservative Bewegungen, mit konservativen Vorstellungen von einer Rückkehr zur klassischen Rollenverteilung viele und gerade auch jüngere Menschen an.

Leistung, Flexibilität, Selbstoptimierung - das fordert der kapitalistische Arbeitsmarkt

Eine Religionsgemeinschaft wie der Islam hingegen kennt keine Zugangsbeschränkungen - mitmachen kann jede_r

Selbstverwirklichung
Der kapitalistische Arbeitsmarkt fordert, dass Menschen Leistung bringen, sich und ihre Zeit optimieren und dabei flexibel sind.

Eine Religionsgemeinschaft wie der Islam hingegen kennt keine Zugangsbeschränkungen - mitmachen und erfolgreich sein kann, wer will, unabhängig von Qualifikationen, Herkunft oder Sprachkenntnissen.

Das wirkt auf manche attraktiv, und zwar auch auf Persönlichkeiten, die im Beruf erfolgreich sind. Sie entscheiden sich ganz bewusst dafür, aus ihren erfolgreichen Jobs auszusteigen, weil sie ihre Arbeit als sinnlos empfinden und sie diese nur für das Gehalt machen.

Stattdessen verwirklichen sie sich in der Religion und verbinden Berufs- und Privatleben, indem sie sich beispielsweise sozial engagieren. Ohne damit viel Geld zu verdienen, sie tun es für andere Formen der Anerkennung. Dieses Streben nach persönlicher Selbstverwirklichung und nach individueller Glückseligkeit - statt nach Entsagung - ist hochmodern. Die neuen Muslime sind also ein Kind unserer Zeit.

Gleichzeitig ist dieses Streben nach individuellem Glück aber auch Teil der kapitalistischen Konsumgesellschaft, die das Individuum mit seinen Bedürfnissen überhaupt erst hervorgebracht hat.

Hier zeigt sich, dass neoliberales kapitalistisches System und Religion wie der Islam nicht einfach wie zwei Alternativen gegenüberstehen, selbst dann nicht, wenn Konvertiten den Islam ganz gezielt als Gegenentwurf einsetzen. Sondern dass beide miteinander verwoben sind, sich gegenseitig beeinflussen und weiterentwickeln:

So übernehmen Konvertierte etwa die Idee der Selbstoptimierung in ihre religiöse Praxis, während der Kapitalismus die Idee ethischen Handelns übernimmt - und sie vermarktet, wie spätere Beispiele zeigen werden.

Video: Passen Islam und neoliberale Gesellschaft zusammen?  

Neoliberales kapitalistisches System und eine Religion wie der Islam stehen nicht zwingend als Gegenentwurf. 

Frömmigkeit als "Leistung"
Die „Leistung“ von Gläubigen besteht dann in der Frömmigkeit, zum Beispiel darin, dass sie das Gebet fünfmal am Tag verrichten. Denn ganz frei machen kann man sich nur schwer vom Leistungsgedanken, wenn man mit ihm sozialisiert wurde.

In diese Richtung deuten auch andere Formen des ganz bewussten Widerstands mit dem Islam gegen die als imperialistisch empfundene Globalisierung. Vertreter_innen dieser Richtung machen sich den Markt zunutze, statt sich so weit wie möglich von ihm zurückzuziehen.

So haben Gläubige der muslimischen Minderheit in Frankreich beispielsweise die Mekka Cola erfunden, als Gegenprodukt zum Original. Trinkt man Mekka Cola, so tut man damit etwas gegen skrupellose US-Unternehmen. Die seien mitverantwortlich für die Unterdrückung von Menschen in arabischen Ländern, denn die USA unterstützen Israel nicht zuletzt durch ihre Handelsmacht — so die Logik hinter dem Produkt.

Zahlreiche Beispiele zeigen außerdem, dass Religion und Konsumkultur genauso gut Hand in Hand gehen können, sowohl in westlichen Ländern, in denen Musliminnen und Muslime in der Minderheit sind und der Islam die Religion der Subkultur ist, als auch in islamischen Mehrheitsgesellschaften.

Vermarktung religiöser Produkte
In Deutschland zum Beispiel lässt sich das in der Lebensmittelindustrie beobachten.

Bei der Herstellung von Fleisch mit dem Etikett „Halal“ („erlaubt“) muss der korrekte religiöse Ritus eingehalten werden. Das erfordert, das Tier zu schächten und die Segensformel „Bismillah“ („Im Namen Gottes“) zu sprechen. Da hierzulande Tiere aber in Massen gehalten und in Massen geschlachtet werden, läuft das „Bismillah“ ganz einfach in Dauerschleife vom Band, eben auch in Masse. Eine pragmatische Lösung, die sowohl mit den religiösen Geboten konform ist — als auch mit den Markterfordernissen.

Mehr noch lässt sich die Vermarktung von Religion und von religiösen Produkten aber dort beobachten, wo der Islam gesellschaftlicher Mainstream ist.

Die Marktwirtschaft hat sich in vielen Teilen der Welt „islamisiert“, stellen Islamwissenschaftlerinnen und Anthropologen fest. Dabei geht es gar nicht so sehr um religiöse Produkte wie islamische Mode oder Lebensmittel, die halal sind.

Längst hat Religion als Verkaufsstrategie auch die ganz profanen Dinge des Alltags erobert: Handys, Spielzeug, Schmuck. Besonders beliebt sind Accessoires mit religiösen Symbolen, einem Spruch aus dem Koran etwa oder einem Bild von Mekka. Diese können einen Anhänger zieren, ein Armband oder auch ein Hintergrundbild fürs Handy.

Muslime stellen auf diese Weise ihre Frömmigkeit öffentlich zur Schau und präsentieren sich dabei gleichzeitig als hip. Sie legen sich ihre Identität durch Konsum zu und wollen äußerlich als Musliminnen erkennbar sein.

Bei muslimischen Mädchen besonders begehrt ist Fulla, die islamische Barbie.

Fulla hat dunkles Haar und kommt mit verschiedenen Hijabs (also „Schleiern“), welche die Kinder ihr an- und ausziehen können. 

Mädchen können sich das Fulla-Gebetsset zulegen, bestehend aus pinker Gebetsmatte aus Satin und zweiteiliger rosa Gebetskleidung.

"Fulla-Barbie"
Bei muslimischen Mädchen besonders begehrt ist Fulla, die islamische Barbie.

Fulla hat dunkles Haar und kommt mit verschiedenen Hijabs (also „Schleiern“), welche die Kinder ihr an- und ausziehen können. Die alternative Barbie muss ohne Mann auskommen, ein islamisches Pendant zu Ken gibt es nicht. Geschlechtersegregation ist ein Gebot, das früh vermittelt wird.

Dafür können Mädchen sich das Fulla Gebetsset zulegen, bestehend aus pinker Gebetsmatte aus Satin und zweiteiliger rosa Gebetskleidung. Die dazu passende Tasche trägt den Schriftzug „Fulla“, die Mädchen sind beim Beten also nicht nur besonders cool, sondern machen nebenbei Werbung für die Produkte. Gleichzeitig haben sie einen Anreiz für die religiöse Unterweisung, die mit den richtigen Accessoires mehr Spaß machen soll.

Globale Marken
Längst existiert aber auch ein globaler Markt mit internationalen Marken, die auf Muslime überall in der Welt als Konsumentinnen zielen, egal wo sie herkommen.

Ein Beispiel hierfür ist das Kosmetiklabel MAC, das eine Produktlinie eigens für muslimische Frauen entwickelt hat. Ein Clip der Firma zeigt, wie ein Model mit Hijab in der Maske sitzt und geschminkt wird. Der Slogan besagt: „Mach dich bereit für Sohoor“. „Sohoor“ wird das letzte Mahl vor Sonnenaufgang im Ramadan genannt, bevor die Gläubigen den Tag über fasten. Der Clip hat für viel Wirbel gesorgt, weil er einen eigentlich heiligen Akt profanisiert. Denn er suggeriert, dass Musliminnen Sohoor wie eine Party feiern würden, für die sie sich zurecht machen. Das stieß bei vielen Frommen weltweit auf Empörung.

Tatsächlich aber lag die Kosmetikmarke mit ihrer Werbung gar nicht so falsch: Es gibt nämlich wirklich Sohoor Parties, vor allem in Golfstaaten wie Dubai. Dort dürfte der Clip von der ein oder anderen als nützliche Verbraucherinformation wahrgenommen worden sein.

Wie islamische Feste mancherorts in der islamischen Welt zelebriert werden, ist also gar nicht so verschieden von dem, wie beispielsweise Weihnachten schon lange von vielen Menschen in westlichen Gesellschaften begangen wird - auch von gläubigen Christen: als kommerzielles Fest mit viel Lametta, Essen, Geschenken und natürlich dem richtigen Outfit.

Den wahrscheinlich größten Marktanteil am weltweiten Handel jedoch dürfte das islamische Finanzbusiness halten. Halal Banking ist ein Riesengeschäft. 

Islamic Banking

Den wahrscheinlich größten Marktanteil am weltweiten Handel jedoch dürfte das islamische Finanzbusiness halten. Halal Banking ist ein Riesengeschäft.

Im Islam sind Zinsen, Spekulation und Glücksspiel verboten. Deshalb hat sich seit den 1970er Jahren ein eigenes islamisches Bankenwesen entwickelt, das schariakonforme Geldanlagen anbietet. Nicht erlaubt sind im Islam außerdem unethische Geschäfte wie Waffen- oder Drogenhandel und alles, was Tabak, Alkoholkonsum, Schweinefleisch, Prostitution oder Pornografie zum Inhalt hat.

Damit fallen für islamische Banken große Bereiche weg, in denen sich konventionelle Kreditinstitute international lukrativ betätigen.

Erlaubt sind aber Leasing oder Miete und so ergibt sich über den ein oder anderen Winkelzug dann doch mehr Spielraum für die Branche des Islamic Banking.

Dass Islamic Banking ein riesiger Markt mit großem Geschäftsvolumen und noch größerem Potential ist, haben mittlerweile auch Unternehmen und Regierungen in Europa erkannt. Viele konventionelle Banken bieten daher schariakonforme Produkte an.

London - Hauptstadt des islamischen Finanzwesens?

Zur Eröffnung des islamischen Weltwirtschaftsforums in London 2013 verkündete der damalige britische Premierminister David Cameron, das islamische Finanzsystem auch im Königreich verankern zu wollen.

Und London in den kommenden Jahren zur „Hauptstadt des islamischen Finanzwesens“ zu machen.

Zu dieser Zeit verzeichnete die Branche laut Ernst & Young ein Volumen von fast 800 Milliarden US Dollar und ein Wachstum von 17 Prozent pro Jahr. Verständlich der Wunsch der britischen Regierung, einen Teil davon nach Großbritannien zu locken.

Doch zeigt es auch, wie sich Standpunkte verändern und scheinbar beliebig werden, sobald es um Profite geht. Denn eben jener Premierminister war vorher vor allem für seine harte Haltung bekannt gegenüber dem Islam, der multikulturellen Gesellschaft und den Gesetzen der Scharia.

Offenbar sind die Werte der Scharia akzeptabel in Europa, wenn es sich dabei um Geldwerte handelt.

All diese Beispiele zeigen, dass sich Islam und Neoliberalismus nicht per se ausschließen. Sie können gegeneinander stehen, aber beeinflussen und entwickeln sich dennoch gegenseitig.

Ob wir irgendwann eine ethische Marktwirtschaft haben dank der Einflüsse von Religionen - oder sich endgültig eine quasireligiöse Marktwirtschaft durchsetzt, bleibt abzuwarten.

Susanne Kaiser:

Journalistin und Orientkennerin, mehr:
https://www.torial.com/susanne.kaiser

Bildnachweis:
  • Moderne Zentralmoschee in Köln: horstgerlach / istock.com
  • Frau am Schreibtisch: praetorianphoto/istock.com
  • Fulla-Barbie im Regal / (c) dpa
  • Business-Chart: alexsl/istock.com
Redaktioneller Hinweis:

Die im Text geäußerten Standpunkte und Meinungen entsprechen nicht notwendigerweise der Ansicht der Friedrich-Ebert-Stiftung.


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