Mehr Säkularismus wagen - Potenziale einer säkularen Leitkultur

Von Ralf Oberndörfer

Es ist schwierig, einen praktischen Säkularismus zu entwickeln, wenn die öffentliche Debatte von scharfen Gegenüberstellungen dominiert wird.

Sarrazin, AfD, PEGIDA und andere fordern die Abstoßung und den Ausschluss von Muslimen aus dieser Gesellschaft. Sie profitieren davon, dass Religion per se exkludierend funktioniert. Zwar gibt es jüdische und muslimische Politiker_innen auch in den Parteien, die sich als christlich bezeichnen.

Eine Doppelreligion ist allerdings - anders als eine doppelte Staatsangehörigkeit oder ein Trans-Geschlecht - begriffsnotwendig nicht denkbar. Hybride Eigenkonstruktionen von Religion sind meist tatsächlich "Privatreligion".

  • Im Hinblick auf das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Gesellschaft und Religion völlig neu.

    Das Säkulare Drittel, das einen neuen Gesellschaftsvertrag mitformulieren könnte, ist alles andere als homogen.

    Das waren Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus allerdings auch nie. Trotzdem oder gerade deshalb sind sie bis heute politisch wirksam.

Interreligiöser Dialog
 Es kann heute nicht mehr um die Frage gehen, ob entweder eine einzige Religion (nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 war es die des Landesherrn) in der Lage ist, einer Gesellschaft praktisch lebbare Werte zu vermitteln oder ob auf religiöse Ideen völlig zu verzichten sei.

In Zeiten der Ökumene und des interreligiösen Dialogs (nicht nur) zwischen den drei abrahamitischen Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam hat die Suche nach gemeinsamen Antworten, nach Berührungspunkten, Ähnlichkeiten und Einflüssen zwischen den Religionen längst begonnen.

Dieser ökumenische Dialog ist für die Mehrheit der Gläubigen weltweit zwar eher von untergeordneter Relevanz, auch in den beiden großen christlichen Konfessionen sehen sich diese Ansätze interner Kritik ausgesetzt.

Trotz dieser Verständigungsversuche lebt der alte Anspruch, der eigenen Religion zur politischen oder weltanschaulichen Überlegenheit zu verhelfen, hier und da weiter.


Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Es ist an der Zeit, die Möglichkeiten des Säkularismus für einen menschenwürdigen demokratischen Minimalkonsens viel aktiver auszuloten als das bisher geschah.

Säkularismus ist nicht neutral; Säkularismus ist die Voraussetzung für einen neuen Gesellschaftsvertrag.

Die Gesellschaft liberaler Prägung hält sich für säkular, aber sie ist es nicht. Die Diskussionen über

  • Beschneidung,
  • Kruzifix im Klassenzimmer,
  • Kopftuch,
  • Sterbehilfe,
  • Religion als Schulfach,
  • Abtreibung und
  • Stammzellenforschung


zeigen dies.

All diese Debatten waren maßgeblich von religiösen Argumenten und Akteur_innen geprägt.

Es geht dabei nicht darum, Säkularismus - im Sinne der alten Religionskritik - per se als fortschrittlich zu bewerten und Religion als rückständig.

Das Säkulare Drittel ist gehalten, nach Modellen zu suchen, die keiner Religion - auch der christlichen nicht - die Bürde aufzwingen, die Werte dieser Gesellschaft allein neu bestimmen zu müssen. Das ist eine äußerst ambitionierte Agenda, aber die Herausforderungen der Migrationsgesellschaft und die hilflosen und menschenfeindlichen Reaktionen von AfD, PEGIDA und anderen auf die heutige Situation erfordern neue, große Anstrengungen.

Im liberalen Säkularismus reicht es aus, wenn die Wand im Klassenzimmer leer bleibt. Sie symbolisiert die Neutralität des Staates und seiner Schulen, deren Besuch er mit der Schulpflicht mittels seiner Gesetze durchsetzt.

Die traditionelle christliche Religion möchte hier gerne ein Kreuz sehen, in Bayern wird es an den Grundschulen überwiegend so praktiziert.

Praktischer Säkularismus muss sich überlegen, welches Symbol an der Wand angebracht werden könnte. Es wäre sicherlich kein Paragrafenzeichen (§).

Die begrenzte Tauglichkeit der reinen Verrechtlichung als gesellschaftliche Wertebasis wurde kurz erörtert.

Es könnte auch kein Bundesadler oder eine schwarz-rot-goldene Flagge sein, denn ein Rechtsstaat ist etwas anderes als eine säkulare Gesellschaft.

Die res publica, die Öffentliche Angelegenheit, die Staatsform ist etwas anderes als die Frage nach dem richtigen Leben, die wir Ethik nennen.

Eine Antwort auf jede konkrete Frage (hier: welcher säkulare Wandschmuck für ein Klassenzimmer geeignet wäre?) setzt eine gemeinsame Suche voraus.


Positive Potenziale einer säkularen Leitkultur

Wenn keine Religion mehr in der Lage ist, einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen - dieser Prozess wurde historisch betrachtet viele Male mit äußerster Gewalt durchgeführt -, braucht es einen neuen Konsens: einen säkularen Konsens.

Früher reichte es aus, durch entsprechende Verfassungskonstruktionen den Einfluss von Religionsgemeinschaften auf öffentliche Diskussionen, Schulbildung und Moral einzuschränken.

In einer Gesellschaft, in der

  • die großen Religionsgemeinschaften immer weniger Menschen binden und

  • die Gruppe der Säkularen langsam, aber stetig wächst,

ergeben sich völlig neue Fragen:

  • Wie kann man verhindern, dass einzelne Gruppen sich eine Partikularmoral schaffen, in der nur die eigenen Regeln gelten?

  • Wie läßt sich verhindern, dass die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft in religiöse Termini (Kreuzzug, Abendland - Dschihad, Ungläubige) übersetzt werden?

  • Wie kann das Potenzial einer säkularen Philosophie genutzt werden, um eine moderne Ethik für eine offene Gesellschaft zu schaffen? (1) 


Praktischer Säkularismus

Praktischer Säkularismus stellt sich die Frage, wie sich ein Wertesystem begründen lässt, das nicht von religiösen Vorstellungen abgeleitet ist und sich - wenn überhaupt - nur mittelbar auf religiöse Modelle bezieht.

Er untersucht außerdem, inwieweit Religion und Philosophie voneinander gelernt haben, sich gegenseitig beeinflussten und welche religiösen Prinzipien in der säkularen Philosophie weiter entwickelt, modernisiert und vertieft wurden.

Aufgabe ist es nicht, die Verbindungslinien mit Religion abzustreiten, sondern herauszufinden, welche Gedankenwege existieren, welche Ideen miteinander verbunden sind.

An die Stelle einer monokausalen Ideengeschichte tritt eine multikausale Beziehungsgeschichte, die Platz lässt, um viele religiösen und nichtreligiösen Einflüsse zu berücksichtigen. 

Mehr Säkularismus wagen!

Dazu ein Beispiel:

Neben Plato gilt Aristoteles (384-322 v.chr.Z.) als der wichtigste Philosoph der europäischen Antike. 1200 Jahre nach seinem Tod, im frühen Mittelalter, im "christlichen Abendland" also, war er weitgehend in Vergessenheit geraten.

Aristoteles
Es ist vor allem zwei muslimischen Philosophen zu verdanken, dass es zu einer erneuten europäischen Rezeption des Aristoteles kam. Es waren Avicenna (980-1037, Abu Ali al-Husain ibn Abdullah ibn Sina) und Averroes (1126-1198, Abu l-Walid Muhammad b. Ahmad b. Muhammad b. Rušd), die durch ihre philosophischen Schriften eine Wiederentdeckung von Aristoteles und seinem Werk ermöglichten.

Ist Aristoteles damit weniger europäisch? Ein Heide? Jemand, dessen Schriften für den "abendländischen" Philosophiekanon ungeeignet wären? Ein philosophisches Kuckucksei? Natürlich nicht.


John Locke / Thomas Jefferson

Doch damit nicht genug. Das höchste Gut für den Menschen ist laut Aristoteles das Glück (eudaimonia). Über den englischen liberalen Philosophen John Locke (1632-1704) gelangte die Idee des Glücks auch zu Thomas Jefferson (1743-1826). Durch ihn wird das "Streben nach Glück" in die Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 aufgenommen.

Als pursuit of happiness finden wir die Grundidee des Aristoteles dort wieder. "Happiness" bedeutet im damaligen Kontext auch den persönlichen wirtschaftlichen Erfolg, so ähnlich wie der Begriff fortune zugleich "Vermögen" und "Schicksal" bedeutet. 

In einer säkularen Gesellschaft spielt es keine Rolle, dass Aristoteles vom griechischen Götterglauben geprägt war und dass seine Wiederentdecker Muslime waren. Denken, das sich der Freiheit widmet, stellt Verbindungen und Verständnis her, anstatt auszugrenzen oder Hierarchien zu schaffen.

Wer die Schriften der Weltreligionen studiert, wird zahlreiche weitere Beispiele für Querbezüge, Einflüsse und Ideentransfers finden. Die Suche nach gemeinsamen Regeln und Werte für eine säkulare Gesellschaft, also die Entwicklung einer säkularen Ethik und Praxis, kommt ohne die Auseinandersetzung mit der religiösen Überlieferung nicht aus.

Ernst Bloch
Der Philosoph Ernst Bloch weist in seinen Leipziger Vorlesungen zur Philosophie 1950-1956 (Bloch 1985) darauf hin, dass die Kenntnis der Bibel unerlässlich für philosophisches Arbeiten ist. Gleiches gilt für die Schriften der anderen Religionen.

Es sei erneut betont:

Der praktische Säkularismus strebt nicht an, die monotheistischen Religionen oder andere Glaubensgemeinschaften zu bekämpfen oder Religion per se zum Aberglauben zu erklären. Es geht um eine gemeinsame Suche.


Bis heute gibt es keine Vertreter_innen säkularer Organisationen in den Rundfunkräten.

Religiöse Gemeinschaften haben dort seit Jahrzehnten Sitz und Stimme.

In den öffentlich-rechtlichen Medien müssen mehr säkulare Geschichten erzählt werden.

Wege zu mehr Teilhabe

Nicht nur philosophisch, auch im Alltag gibt es zahlreiche Ansätze für einen praktischen Säkularismus.

Säkulare Organisationen wie

  • der Bund für Geistesfreiheit Bayern (2),
  • der Deutsche Freidenker-Verband (3) oder
  • die Humanistische Union (4)

brauchen bessere Teilhabemöglichkeiten, um ihre Wertvorstellungen in die Öffentlichkeit zu bringen. Bisher dominieren Vertreter anderer Verbände die Diskussion. Der Deutsche Ethikrat wird von Theolog_innen, Jurist_innen und Mediziner_innen dominiert.

Haben Säkulare zu ethischen Fragen nichts beizutragen?

Bis heute gibt es keine Vertreter_innen säkularer Organisationen in den Rundfunkräten. Religiöse Gemeinschaften haben dort seit Jahrzehnten Sitz und Stimme. In den öffentlich-rechtlichen Medien müssen mehr säkulare Geschichten erzählt werden. 

Es entspricht nicht mehr der gesellschaftlichen Realität, wenn Beerdigungen in deutschen Fernsehproduktionen fast ausschließlich auf christlichen Friedhöfen spielen und immer ein Geistlicher dabei ist.

Im wirklichen Leben hat der Wunsch nach nichtreligiösen Bestattungsritualen, -orten und -redner_innen deutlich zugenommen. In säkularen Ritualen werden jedes Jahr Tausende von Menschen beerdigt, es gibt professionelle säkulare Trauerredner_innen und in Deutschland etwa 50 Friedwälder und Ruheforste. 

Für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen ist dieses Phänomen sozusagen Der neue Markt kirchenferner Riten (5). Der Text suggeriert Scharlatanerie und die kommerzielle Ausbeutung von Menschen in seelischen Extremsituationen, zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen.

  • Woher kommt neben Kostengründen und Aufwand für Grabpflege das Bedürfnis nach diesen alternativen Ritualen?

  • Warum sind immer mehr Menschen der Auffassung, dass die Religionsgemeinschaften ihre Bedürfnisse nach einem Ritual bei der Schließung eines Lebensbundes oder einer Beerdigung nicht mehr befriedigen können?


Mehr Öffentlichkeit durch Populärmedien
Noch interessanter wäre es, wenn durch das Phänomen säkularer Bestattungen die damit verbundenen Vorstellungen von Tod, Trauer und Jenseits, der Übergang vom Leben zum Tod als Form der Transzendenz im Kontext von Sterbehilfe und einer älter werdenden Gesellschaft regelmäßig auch erzählerisch in Fernsehgeschichten und Medien der Populärkultur für den populären Massengeschmack aufbereitet werden würden.

Die Aufbereitung in populären Medien kann helfen, diese Themen in breitere Schichten der Gesellschaft zu tragen. Faustregel: Für je zwei Serien, in denen ein Geistlicher eine Hauptrolle spielt, sollte eine Serie ausgestrahlt werden, in der erzählt wird, dass man Gott und Religion nicht braucht, um respektvoll, empathisch und friedlich zusammenzuleben.


Ein Feiertag für die Aufklärung

Ob die wie gesagt sehr kleinen säkularen Organisationen in der Lage wären, von jetzt auf gleich die notwendige Diskussion über Säkularismus allgemein zu befördern, ist fraglich. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, die Idee des Säkularen zu popularisieren und eine möglichst breite Debatte darüber in Gang zu bringen.

Sinnvoll wäre die Einführung eines säkularen Feiertags. Die Forderung nach einem konfessionslosen Feiertag für die Evolution hat die Giordano Bruno Stiftung bereits erhoben [Spiegel Online 2009]. 1983 wurde Martin Luther King Day in den USA als Feiertag beschlossen und 1986 erstmals begangen. Erinnert wird mit diesem Tag an den Beitrag des Bürgerrechtlers für die Demokratisierung der USA, also ein säkulares Ereignis. Etwa ein Drittel der Beschäftigten haben an diesem Tag frei, darunter alle Angehörigen des öffentlichen Dienstes.

Im Jahr 2017 feiert die protestantische Kirche Martin Luther und die Reformation als welthistorisches Ereignis, völlig zurecht übrigens. Nichts spricht dagegen, den Geburtstag von Immanuel Kant (1724-1804) am 22. April zum Tag des säkularen Denkens auszurufen.

Auch Kant ist von welthistorischer Bedeutung. Der Satz "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" stammt aus seinem Text Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784). Er wäre eine passende Überschrift, um säkulares Denken in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und dem praktischen Säkularismus einen dringend benötigten symbolischen Ort zu geben.

Im Jahr 2017 feiert die protestantische Kirche Martin Luther und die Reformation als welthistorisches Ereignis, völlig zurecht übrigens.

Nichts spricht dagegen, den Geburtstag von Immanuel Kant (1724-1804) am 22. April zum Tag des säkularen Denkens auszurufen.

Der Rückbezug auf das "Abendland" klärt nicht auf, er grenzt aus.

Die negative Religionsfreiheit des Grundgesetzes ermöglicht Handlungsspielräume, die für einen praktischen Säkularismus genutzt werden müssen.


Literatur / Quellen:

Alle Links zuletzt eingesehen am 26. Okt. 2017

(1) Joas, Hans: Die Glaubensdividende, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2012.
(2) http://www.bfg-bayern.de
(3) http://www.freidenker.org
(4) www.humanistische-union.de
(5) Andreas Fincke: Freie Theologen, freie Redner, freie Ritendesigner (Materialdienst 4/2004)

Bilder:

- Menschen im Park: nikada/istock
- Demonstrant/Fahne: yuliang11/panthermedia
- Klassenzimmer: BlendImages/panthermedia
- TV-Wand: scanrail/panthermedia
- Kalender / Pins: BrianAJackson/panthermedia

Ergänzend: Integration ist machbar