Die Geschichte der Globalisierung

Wie alt ist die Globalisierung? Was macht Globalisierungsprozesse aus?



Von Thomas Buchner


Wie kaum ein anderes der derzeit heiß diskutierten Phänomene scheint Globalisierung durch Geschichtslosigkeit charakterisiert zu sein. Schon der Begriff ist neueren Datums: Der Duden beispielsweise führt das Substantiv „Globalisierung“ erst seit der 2000 erschienenen 22. Auflage.

Im englischen Sprachraum tauchten entsprechende Begriffe zwar bereits in den 1960er Jahren auf, doch wurden sie auch dort erst in den letzten beiden Jahrzehnten merklich häufiger verwendet. Damit scheint Globalisierung nicht nur als Phänomen jüngsten Datums ausgewiesen zu sein, sondern die verstärkte Aufmerksamkeit für globale Interaktionen lässt auch einen ursächlichen Zusammenhang mit Entwicklungen der letzten Jahre erahnen: mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, mit der US-amerikanischen Hegemonie in zahlreichen Bereichen sowie mit der zunehmenden Bedeutung transnationaler Unternehmen.

Allerdings überdeckt die inflationäre Verwendung des Begriffs vielfach nicht nur die historische Bedingtheit von Phänomenen globaler Reichweite, sondern auch die historische Dimension von Globalisierung selbst.

Forschungsansätze
Internationale Kapitalverflechtungen oder die weltweite Präsenz kultureller Leitbilder sind keine Kinder des 20. oder frühen 21. Jahrhunderts. Wie alt Globalisierung nun tatsächlich ist, hängt primär davon ab, was man unter Globalisierung versteht. In der Forschung findet man dazu höchst unterschiedliche Antworten.

  • Einzelne Autor_innen interpretieren Globalisierung als Phänomen, dessen Geschichte mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt. Untrennbar damit verbunden ist ein Fokus auf globale Institutionen wie jenen des 1944 begründeten Systems von Bretton Woods oder die UNO.

  • Die Bedrohung der Welt durch nukleare Waffenarsenale der Supermächte lässt sich dafür ebenso ins Feld führen wie die Zunahme des Welthandels oder verdichtete Kommunikationsbeziehungen.

  • Eine Reihe anderer Autor_innen sieht hingegen bereits in den menschlichen Wanderungsbewegungen vor zehntausenden von Jahren den Kern zunehmend globaler Interaktionen. Damit wird allerdings, wie vielfach angemerkt, der Begriff der Globalisierung so vage gehalten, dass seine Aussagekraft darunter leidet.

Ein breites, aber hinreichend präzises Verständnis von Globalisierung begreift demgegenüber dieses Phänomen als den „Aufbau, die Verdichtung und die zunehmende Bedeutung weltweiter Vernetzung“ (Osterhammel/Petersson) seit den europäischen Expansionen des 16. Jahrhunderts.

Vernetzung bedeutet in diesem Zusammenhang die Verstetigung vielfach institutionell abgestützter sozialer Interaktionen.

Dynamik und Vernetzung
Dabei ist zum ersten der Prozesscharakter von Vernetzung hervorgehoben: Globalisierung ist nicht statisch, sondern Wandlungen unterworfen.

Zum zweiten sind daher derartig verstetigte Interaktionen von globalem Maßstab selten stabil. Die Geschichte der Globalisierung ist damit auch eine Geschichte der Kontraktion bzw. der „Deglobalisierung“.

Zum dritten bedeutet Vernetzung, dass Impulse innerhalb sich entwickelnder Netzwerke selten eine Einbahnstraße darstellen. Vielmehr wird gerade an scheinbar eindeutigen Beispielen wie dem Kolonialismus deutlich, wie sehr Globalisierung trotz ihres zumeist hierarchisch geordneten Kontexts, aus Prozessen gegenseitiger Beeinflussung besteht.

Als Konsens darf mittlerweile gelten, dass im 19. Jahrhundert die erste tatsächliche Globalisierung zu beobachten war. Deren Hintergründe sind aber ohne kurze Rückschau auf die „Proto-Globalisierung“ des 16. bis 18. Jahrhunderts nicht zu verstehen.




Bild: alte Landkarte mit Kompass: istock.com/Aslan Alphan

Thomas Buchner

Dr., geboren 1974 in Linz/ Donau, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Salzburg (1992-1998), und promovierte anschließend in Salzburg und Amsterdam (1999-2003). Seit 1999 folgten  Forschungsaufenthalte in den Niederlanden. Von 2000-04 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Drittmittelprojekten in Salzburg und Wien. Seit 2005 ist Universitätsassistent am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz.

Der Text stammt aus dem Jahr 2006.


Die hier online präsentierte Fassung ist ohne Fußnoten. Fußnoten bzw. weiterführende Infos finden Sie in der PDF-Version.