Globalisierung und transnationale Konflikte

Frieden aus einer Global-Governance-Perspektive



Von Christoph Weller und Richard Bösch

Im 20. Jahrhundert waren es internationale Konflikte, welche die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt darstellten. Im Abschreckungssystem des Ost-West-Konflikts sowie in (Welt-) Kriegen zwischen Staaten und Militärallianzen zeigte sich das historisch größte Ausmaß organisierter Gewalt. Massenvernichtungswaffen und militärische Abschreckung dominierten die Bedrohungsszenarien bis zum Ende der 1980er Jahre. Zwar wurden die Militärpotenziale seit dieser Zeit nicht nennenswert zurückgefahren, aber die von ihnen ausgehende Bedrohung wird heute anders eingeschätzt.

Wir leben heute, über 20 Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, in einer sich weiter wandelnden globalen Konfliktkonstellation. Sie lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben und sich je nach Perspektive unterschiedlich beurteilen. Eines ihrer wichtigsten Kennzeichen ist die Transnationalisierung von Konflikten und – damit einhergehend – die Annahme neuartiger Bedrohungslagen für Staaten und Gesellschaften.

In diesem Beitrag stehen die Zusammenhänge zwischen der Globalisierung und dem weltweiten Konfliktgeschehen im Mittelpunkt.

Letzteres ist im 21. Jahrhundert geprägt von Konflikten zwischen staatlichen und grenzüberschreitend aktiven nichtstaatlichen Akteuren, die als transnationale Konflikte bezeichnet werden.


Transnationale Konflikte sind dadurch gekennzeichnet, dass es sich

  • um grenzüberschreitende Konfliktkonstellationen handelt und 
  • mindestens eine der Konfliktparteien ein nichtstaatlicher Akteur ist.

Wenn weltweit agierende, zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisationen beispielsweise transnationale Konzerne wegen ihrer umweltgefährdenden bzw. -zerstörenden Produktionsweise oder der Missachtung von grundlegenden Arbeits- oder Menschenrechtsstandards an den Pranger stellen, wenn Staaten versuchen, gegen grenzüberschreitenden Drogenhandel, Schleuserkriminalität und Produktpiraterie vorzugehen, wenn Terroristen Anschläge im Ausland verüben und Staaten(koalitionen) einen globalen war on terror gegen „illegitime Kämpfer“, ihre Netzwerke oder sog. „Staatsbildungsprojekte“ führen oder wenn grenzüberschreitender Rohstoffhandel zur Finanzierung von innerstaatlichen Gewaltkonflikten beiträgt, handelt es sich jeweils um Erscheinungsformen transnationaler Konflikte.

Dabei wird mit „Konflikt“ nicht nur die (gewaltsame) Austragungsform einer Auseinandersetzung, sondern allgemein die wechselseitige und anhaltende Kommunikation als unvereinbar wahrgenommener Interessen und/ oder Wertvorstellungen bezeichnet.

Dass es im 21. Jahrhundert neben internationalen vermehrt transnationale Konflikte gibt, ist dabei sowohl Folge als auch Kennzeichen von Globalisierungsprozessen. Sie lassen sich verstehen als „Konflikte (in) der Weltgesellschaft“, d.h. als Konflikte, deren Entstehung und Dynamiken auf globale Vergesellschaftungsmuster zurückgehen (Bonacker/Weller 2006).

Überblick
Im ersten Teil dieses Beitrags werden entscheidende Strukturmerkmale und Dynamiken von Globalisierung beschrieben, vor deren Hintergrund sich transnationale Konflikte entwickeln.

Anschließend wird herausgearbeitet, welche globalen Konfliktkonstellationen sich daraus entwickelt haben, welche transnationalen Akteure darin eine besondere Rolle spielen und welche Konsequenzen dies für die Formen der Konfliktaustragung hat.

Transnationale Konflikte stellen eine enorme Herausforderung für die Staatenwelt und auch für unser Denken in den Kategorien von Nation, Staat, internationalem System, Innen- und Außenpolitik dar.

Im letzten Abschnitt werden wir deshalb darauf eingehen, wie sich über Frieden aus einer global-governance-Perspektive, mithin aus der Perspektive neuer Formen von Politik im globalen Maßstab nachdenken lässt, inwieweit Institutionen ziviler Konfliktbearbeitung für transnationale Konflikte bereitstehen und welche Maßnahmen eine konstruktive Bearbeitung transnationaler Konflikte befördern könnten.




Bild: Laufende Soldaten (ChrisSuperseal/istockphoto.com)

Über die Autoren:

Christoph Weller, Dr. phil., ist Gesellschaftswissenschaftler und Friedensforscher, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) und Mitherausgeber der „Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung“ (ZeFKo).

Richard Bösch, M.A., ist Politikwissenschaftler und Doktorand am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg.

Der Text stammt aus 2015. In der PDF-Version ist eine umfangreiche Quellensammlung zu finden.



Bild: älteres indisches Paar (pixelfusion3d/ istockphoto.com)