Globalisierung bewegt Menschen: Migration in heutiger Zeit

Von Markus Breuer


Es reicht aus, an einem beliebigen Tag des Jahres die Zeitung aufzuschlagen, die Radio- oder Fernsehnachrichten einzuschalten. Wir stellen bei aufmerksamer Beobachtung fest: Kaum ein Tag vergeht ohne irgendwelche Neuigkeiten, die mit Migration oder deren Folgen zu tun haben.

Da mahnen in regelmäßigen Abständen Politikerinnen und Politiker stärkere Anstrengungen zur Integration Zugewanderter an und private Pflegedienste bekämpfen die irreguläre Beschäftigung Zehntausender osteuropäischer Arbeitskräfte in der häuslichen Pflege (hauptsächlich Frauen). Immer mehr qualifizierte Deutsche – ein deutlicher Trend der jüngsten Zeit – wandern auf der Suche nach lukrativen Arbeitsplätzen aus und in der ‚Gegenrichtung‘ tauchen praktisch jeden Tag vor den Kanarischen Inseln, der Meerenge von Gibraltar, der italienischen Insel Lampedusa und anderswo afrikanische Bootsflüchtlinge auf, tot oder lebendig, deren Ziel das ersehnte Europa ist.

Gewöhnung hält uns zuweilen davon ab, genauer hinzuschauen, was hinter allen diesen Meldungen steckt. Gibt es möglicherweise Gemeinsamkeiten, die diese Beispiele verbinden?

Betrachten wir verschiedene Facetten näher, die wir heute mit dem Stichwort Migration verbinden. Das Wort Migration kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Wanderung (migrare = wandern). In der Menschheitsgeschichte waren nun Wanderungen keineswegs die Ausnahme, sondern vielfach belegte Praxis, keine Abweichung, sondern eine Konstante. Seit alters her sind Menschen auf allen Erdteilen und sogar von Kontinent zu Kontinent gewandert, sei es aus freien Stücken oder erzwungen (durch Hunger, Krieg, Naturkatastrophen usw.). Wir sprechen bisweilen sogar von der anthropologischen Urkonstante des Wanderns, da Sesshaftigkeit wohl erst seit der Jungsteinzeit eine maßgebliche Rolle spielte.

In der Regel jedoch beziehen die meisten in Deutschland oder Europa lebenden Menschen die Bezeichnungen Migrantinnen oder Migranten (Wandernde) selten auf sich selbst, sondern auf andere.

Räumliche Bewegung / Mobilität
Umzüge innerhalb eines Landes oder Gebietes, aber auch Urlaubsreisen ins Ausland, sind ebenfalls Ausdruck einer räumlichen Bewegung (Mobilität), wir nennen dies aber zumeist nicht Migration, sondern sprechen erst dann davon, wenn eine Staatsgrenze dauerhaft überschritten und der Lebensmittelpunkt in ein anderes Land verlegt wird.

Diese Markierung ist durchaus von großer Bedeutung, wenn wir die Anzahl der Gewanderten weltweit in den Blick nehmen: Einer geschätzten Zahl von 214 Millionen Migrantinnen und Migranten standen 2010 rund 740 Millionen Binnenmigrantinnen und –migranten gegenüber, die keine Landesgrenze überschritten hatten.

„Migrationen von nah und fern sind ein integraler Bestandteil der europäischen Geschichte“, sagt die Soziologin Saskia Sassen dazu. Zuweilen neigen wir Menschen hingegen ein wenig zum ‚Gedächtnisverlust‘, wenn wir glauben, dass unsere Vorfahren oder unser ‚Volk‘ schon immer hier gewesen seien, wo auch immer dieses ‚hier‘ genau liegen mag.

Menschheitsgeschichtlich bleibt das eine sehr kurzsichtige Blickweise. „Der Mensch ist ein Nomade, ein Sammler. Erst seit der neolithischen Revolution, seit etwa 10.000 Jahren, ist ein Teil, aber nur ein Teil der Menschheit sesshaft geworden“, hält der Philosoph Vilém Flusser fest und der Schriftsteller und Dichter Benny Andersen kommentiert unsere Wanderungsvergangenheit in einer Anspielung auf die früheren Eiszeiten in Nord- und Mitteleuropa lapidar mit den Worten: „Am Anfang war das Eis, dann kamen die Einwanderer.“ Dirk Hoerder, ein Geschichtswissenschaftler, notiert nüchtern: „Wirtschaftlich und politisch einengende Rahmenvorgaben mussten von Migranten wie Sesshaften in Lebensperspektiven umgesetzt werden. Während die Religion auf ein besseres Dasein nach dem Tod wies, erkannten handelnde Menschen die Möglichkeiten eines besseren Daseins in dieser Welt, aber an einem anderen Ort. Nicht das Gras erschien oder war grüner jenseits des Zaunes respektive der Grenze, sondern die dortigen Rahmenbedingungen boten größere Möglichkeiten für die Lebensplanung und mehr Erfolgschancen.“

Bezugsrahmen Deutschland
Dass auch in Deutschland Zuwanderung eine jahrhundertelange Vorgeschichte hat, davon zeugten beispielsweise die unter dem Obertitel ‚Zuwanderungsland Deutschland‘ zusammengefassten zwei großen Ausstellungen ‚Migrationen 1500–2005‘ und ‚Die Hugenotten‘ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Aber auch Auswanderungen aus Deutschland und Europa waren gar nicht so selten, denken wir nur an die große Wanderungswelle nach Lateinamerika zwischen 1850 und 1930 oder den Nettowanderungsverlust von (häufig gut ausgebildeten) Deutschen in den letzten Jahren.


Menschenrecht
Die Vereinten Nationen sehen räumliche Bewegungen von einem Ort zum anderen als ein fundamentales Charakteristikum der Menschen an und haben es als Recht vor über einem halben Jahrhundert in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. In Artikel 13 dieser Deklaration, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 angenommen wurde, heißt es:

„Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.“Außerdem wird dort ein Recht auf Auswanderung und Rückwanderung festgehalten: „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

Das Gegenstück zu diesem Recht, ein Recht auf Einwanderung, wurde jedoch nicht festgehalten, denn Nationalstaaten beanspruchen ihre souveräne Macht, Nichtnationalen, also Ausländerinnen und Ausländern, den Zugang zu ihrem Staatsgebiet zu verwehren.

Selbst das Recht auf Auswanderung stößt gar nicht so selten auf Missachtung, wenn etwa totalitäre Staaten ihre Bürgerinnen und Bürger an Auslandsreisen oder Auswanderung zu hindern suchen; Nordkorea ist hierfür ein Beispiel aus heutiger Zeit.

Offene Gesellschaften
Für offene Gesellschaften kann Bewegungsfreiheit für die eigenen Staatsangehörigen hingegen als markantes Merkmal ihrer Gesellschaftsordnungen bezeichnet werden.Zugleich können wir für viele Staaten der nördlichen Hemisphäre, die großen Wert auf Menschenrechte, Demokratie und Gleichheit legen, die paradoxe Feststellung treffen: „Gleichheit innerhalb der Grenzen basiert in vielerlei Hinsicht auf Ungleichheit an den Grenzen.“

Migrationshintergrund
Werfen wir zunächst einen Blick auf Deutschland, wenn wir nach der Bedeutung und Größenordnung von Migrationen fragen. Erst seit wenigen Jahren, nämlich dem Mikrozensus 2005, haben wir genauere statistische Daten darüber, wie viele Menschen einen Migrationshintergrund aufweisen. Diese Kategorie dient inzwischen zunehmend als neue Scheidelinie bei der Darstellung von Untersuchungsergebnissen zu Lebenslagen und Ungleichheiten sowie darauf fußenden politischen Forderungen.

Unter die neue Gruppierung werden vom Statistischen Bundesamt solche Menschen gezählt, die selbst migriert (erste Generation) oder in zweiter bzw. dritter Generation Nachfahren Eingewanderter sind, außerdem Deutsche mit Migrationshintergrund in erster oder zweiter Generation.

Zu der letztgenannten Gruppe zählen vier Untergruppen:

  • Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler,
  • Eingebürgerte,
  • Menschen mit einseitigem Migrationshintergrund (ein Elternteil ist deutsch, ein Elternteil hat einen Migrationshintergrund) sowie als Viertes
  • in Deutschland geborene Kinder, bei denen ein Elternteil seit acht Jahren rechtmäßig seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Inland hat (eine recht neue Regelung, die einem so genannten Ius-soli-Prinzip im neuen Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahr 2000 folgt).


Bei einer Gesamtbevölkerung von 81,9 Millionen stellte der Mikrozensus 2009 fest, dass insgesamt 80,4 % dieser Menschen keinen Migrationshintergrund aufweisen, jedoch 8,8 % Ausländerinnen bzw. Ausländer und 10,8 % Deutsche mit Migrationshintergrund im Land leben. Der Migrationsanteil an der Gesamtbevölkerung entsprach damit 2009 fast einem Fünftel (19,6 %) und zugleich war die Zahl der Deutschen mit Migrationshintergrund mit 8,8 Millionen Menschen höher als die Zahl der 7,2 Millionen in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer.

Mythos Homogenität, Ähnlich- und Gleichartigkeit oder was eine Gesellschaft zusammenhält?



Mythos "erfundene Gemeinschaften"

Schon an diesen Daten sehen wir, dass sich die Bevölkerung eines Landes aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt und in stetiger Veränderung begriffen ist.

Sowohl hier wie andernorts sind Vorstellungen, Großgruppen wie etwa Nationen – diese ‚erfundenen‘ Gemeinschaften – bestünden nur aus einem einzigen Volk oder einer einheitlichen Kultur, ein Mythos. Alle modernen Nationen sind heutzutage kulturell hybrid, sind Mischungen der verschiedenen Menschen und Menschengruppen.

In der öffentlichen Diskussion hingegen spielen solche Überlegungen oft keine große Rolle. Stattdessen wird Kultur häufig als „mythologisches Schlachtfeld“ mit starren Klischees von Gleichförmigkeit (Homogenität) dargeboten: „Man geht davon aus, dass die deutsche Gesellschaft einst ethnisch homogen war und erst durch die Einwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg multikulturell geworden sei. Diese Sichtweise ist schon historisch nicht haltbar, insofern Einwanderung in der Geschichte nicht die Ausnahme darstellt, sondern vielfach die Regel war.

"Die normale Turbulenz"
Heutige Gesellschaften, die im globalen Zeitalter durch zunehmende Mobilität geprägt sind, werden in Zukunft noch drastischer mit Einwanderungsprozessen konfrontiert sein.“ Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger benutzt eine Wetterkarte für einen passenden bildlichen Vergleich: „Eine Weltkarte. Schwärme von blauen und roten Pfeilen, die sich zu Wirbeln verdichten und gegenläufig wieder zerstreuen. Unterlegt ist dieses Bild mit Kurven, die farbig getönte Zonen verschiedenen Luftdrucks voneinander abgrenzen: Isobaren und Winde. Hübsch sieht eine solche Klimakarte aus; aber wer keine Vorkenntnisse hat, wird sie kaum deuten können. Sie ist abstrakt. Einen dynamischen Prozeß muß sie mit statischen Mitteln abbilden. Nur ein Film könnte zeigen, worum es geht. Der normale Zustand der Atmosphäre ist die Turbulenz. Das gleiche gilt für die Besiedelung der Erde durch den Menschen.“

Migration ist also sozusagen der „Normalfall“, wie es die beiden Historiker Klaus J. Bade und Jochen Oltmer nennen. Ist die heutige Situation also gar nicht so außergewöhnlich?

Bild: Junge in einem Hafen mit Blick aufs Wasser (© francovolpato / fotolia.com)

Markus Breuer

Dipl.-Pädagoge/Dipl.-Sozialpädagoge (FH), langjährige Berufserfahrung in der Migrationsarbeit. Seit 1994 Lehrbeaufragter, seit wiss. Mitarbeiter an der Evang. Hochschule Freiburg i. Br.

Der Text ist aus 2011. Hier die PDF-Fassung inkl. Fußnoten / weiterführende Infos. 

Bild: älteres indisches Paar (pixelfusion3d/ istockphoto.com)